SWR2 NowJazz
, 27. Oktober 2021


Frank Zappa ist vor bald 30 Jahren gestorben.
Seine Musik ist nach wie vor lebendig. Gerade erst ist ein weiteres Doppelalbum seiner allerletzten Tournee erschienen.
Und noch immer kursiert seine angebliche Jazz-Aversion, vor allem verknüpft mit dem berühmt-berüchtigten Satz:

ZITAT Frank Zappa
Jazz ist nicht tot - er riecht nur komisch.

Diese Sendung zeigt: Zappa war kein Jazz-Gegner, er war ein Jazz-Fan. Jazz-Einflüsse, ja Jazz-Formen finden sich in seiner Musik von 1961 bis zu seiner letzten Band, 1988.
„Very much alive - Frank Zappa und der Jazz“.
Am Mikrofon ist Michael Rüsenberg.

01. MOTHERS OF INVENTION Take your clothes off when you dance, 1:32
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„Take  your clothes off when you dance“, ein typischer, parodistischer Zappa-Song aus den 60er Jahren, parodistisch gegenüber dem Pop-Genre DooWop, ein Song aus dem dritten Album der Mothers of Invention „We are only in it for the money“.
Als das Stück im Frühjahr 1967 aufgenommen wird, ist neu daran lediglich der Text;
die Struktur ist 6 Jahre alt. Sie stammt aus einer ganz anderen Gattung.
Der Gesang maskiert sie bis zur Unkenntlichkeit.

02. FRANK ZAPPA Take your clothes off when you dance, 3:51
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Auch das ist: „Take your clothes off when you dance“.
Es heißt noch anders, als Zappa es 1961 aufnimmt, nämlich „Never on Sunday“.
Eine Jazz Bossa Nova - nicht die erste, aber immerhin ein Jahr bevor Stan Getz den Stil mit „Desafinado“ weltweit etabliert!
Frank Zappa, gitarre, mit einem Sextett in einem Studio namens „Pal Records“ in Cucamonga/Kalifornien. Drei Jahre später wird er es kaufen und in „Studio Z“ umbenennen.
Der Besitzer von „Pal Records“, Paul Buff (1936-2015), erinnert sich an den ganz frühen Zappa:

ZITAT Paul Buff
Eines Tages im Jahr 1960 - er war etwa 20 Jahre alt -, schaute er vorbei: einer, der Jazz aufnehmen wollte. Er hatte ein paar Musiker und wollte das Studio mieten. In dem Jahr, in dem ich mit ihm zu tun hatte, nahm er Jazz auf, produzierte einige Jazzplatten und schrieb auch symphonisches Material für ein lokales Orchester, das einige davon aufnehmen sollte. Er war sehr jazzorientiert ... Er trat in Clubs auf und spielte alle Jazz-Standards ... Er machte eine Menge Originalkompositionen und spielte für ein paar Dollar und ein paar Bier Dinge wie 'Satin doll'".

Der Trompeter bei Zappas Bossa Nova-Aufnahme 1961 war Chuck Foster:

ZITAT Chuck Foster

Es war eine lockere Atmosphäre, wir haben viel gelacht. Oh ja, Frank mochte Jazz - er war ein ausgesprochener Fan.

Warum stehen diese Zitate hier?
Sie stehen hier, weil Zappa zeitlebens das Gegenteil geäußert hat:

ZITAT Frank Zappa
Ich hatte nie etwas mit Jazz zu tun. Es liegt keine Leidenschaft darin. Es handelt sich um einen Haufen von Leuten, die versuchen, cool zu sein, die nach der Bestätigung einer intellektuellen Gemeinde suchen. Der größte Teil des heutigen Jazz ist weniger wert als die krasseste kommerzielle Musik, weil er vorgibt, etwas zu sein, was er nicht ist. Davon möchte ich mich lieber fernhalten.

Frank Zappa 1984 in einem Interview mit dem New Musical Express, stellvertretend für viele ähnlich lautende Aussagen.
Als ein Grund für die - wie gesagt - lediglich verbale Jazz-Aversion wird von mehreren Beobachtern ein Ereignis im Jahre 1961 herangezogen; also aus der Zeit, als Zappa de facto Jazz-Aufnahmen macht.
Da besucht er nämlich ein Konzert von Miles Davis im „Black Hawk“ in San Francisco; Zappa stellt sich ihm vor, aber Miles wendet sich ab.

ZITAT Frank Zappa
Seitdem habe ich nichts mehr mit ihm oder seiner Musik zu tun.

03. ZAPPA/MOTHERS Bebop Tango, 1:38 (die berühmte Stelle)
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Das ist gewissermaßen „die Mutter aller Missverständisse“:
der „Bebop Tango“, aufgenommen im Dezember 1973 im „Roxy“ in Hollywood, mit Bebop-Phrasen - verbal und auf dem E-Piano - von George Duke (1946-2013), und dann der berühmt-berüchtigte Satz von Frank Zappa:
„Jazz is not dead, it just smells funny. Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch“.
2003 Für den Journalisten Charles Shaar Murray in der BBC der zentrale Baustein einer Radiosendung unter dem Motto:

ZITAT Charles Shaar Murray
Frank Zappa war kein Jazzmusiker - und er hat sich offenkundig auch nicht als solcher verstanden. Er war nicht einmal Jazzfan.

2015 veröffentlicht der britische (Korrektur gegenüber der Radioversion) Musiker und Psychologe Geoff Wills eine Studie mit dem ausdrücklichen Ziel, Murray zu widerlegen:
„Zappa and Jazz. Did it really smell funny, Frank? -
Zappa und Jazz. Hat er wirklich komisch gerochen, Frank?“
Ein brillantes Buch, eine Fundgrube für unser Thema.

cover geoff wills

 

 

ZITAT Geoff Wills

Warum also sagte Zappa, er mag Jazz nicht?
In Wahrheit verachtete er nicht den Jazz, sondern das Jazz-Establishment, so wie er auch jedes andere Establishment ablehnte, sei es in Bildung, Religion, Politik, Klassischer Musik oder jeder anderen Orthodoxie der amerikanischen Gesellschaft.
In diesem Sinne war er ein klassischer Außenseiter.
Der Jazz war schlicht nur eines von vielen Themen, die seinen Unmut erregen konnten.

 

 

 

04. ZAPPA/MOTHERS Bebop Tango, 2:25
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Der Schluß des „Bebop Tango“ 1973, ein Shuffle-Blues.
Unter den Bandmitgliedern, die ZAPPA absagt, ist George Duke nicht das einzige, das über eine eindeutige Jazz-Ausbildung verfügt.
Schon in den 60ern stammten mehrere Zappa-Musiker aus den Big Bands von Don Ellis und Stan Kenton.
George Duke war 1969/70 bei Zappa und erneut von 1972 bis 1975. 2003 sagt er in der erwähnten BBC-Radiosendung:

ZITAT George Duke
Ich fand es immer interessant, warum er dem Jazz gegenüber so zurückhaltend war, während gleichzeitig überall um ihn herum Jazz gespielt wurde. Ich fand das irgendwie seltsam, aber er wollte es nicht zugeben.

Eben deshalb wundert sich der Autor Geoff Wills nun über George Duke:

ZITAT Geoff Wills
Er nimmt (und man fragt sich, wie bereitwillig) an Zappas Veralberung des Jazz teil („Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch“). Aber das Spiel ist vertan: der Jazz leistet einen echten Beitrag zur Musik, und Zappa weiß das alles insgeheim.

05. ZAPPA Blessed Relief, 8:00 (aus „Grand Wazoo“)
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SWR2 NOW JAZZ: „ Very much alive - Frank Zappa und der Jazz“.
Die Zappa-Forschung - ja, davon kann man wirklich sprechen, insbesondere im anglo-amerikanischen Bereich - betont in seinem Werk immer wieder eine Form, die uns wohl-vertraut ist: der Jazz-Walzer.
Ja, es gibt etliche Jazz-Walzer bei Frank Zappa.
Und dies war einer: „Blessed Relief“ aus dem Album „Grand Wazoo“, 1972.
Erneut mit George Duke - hier am Elektro-Piano -, dem Trompeter Sal Marquez mit einem Vorleben u.a. bei Woody Herman und Buddy Rich.
Zappa selbst spielt ein Gitarren-Solo, das er - was er selten tut - jazz-mäßig phrasiert.

06. ZAPPA Twenty Small Cigars, 2:17 (aus „Chunga´s Revenche“)
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Noch ein Jazz-Walzer...womit freilich nur der Rhythmus erfasst ist, die Melodik ist typisch Zappa.
„Twenty Small Cigars“, aus dem Album „Chunga´s Revenche“, 1970 - ein Überbleibsel aus der Session im August und September 1969, die das hervorbringt, was lange Zeit als das Jazz- bzw. Jazzrock-Album von ZAPPA schlechthin gilt: „Hot Rats“.
Die Rhythmusgruppe besteht aus zwei ausgewiesenen Jazzmusikern:
der Bassist Max Bennett (1928-2018) kam von Stan Kenton, der Schlagzeuger John Guerin (1939-2004) von Buddy de Franco und George Shearing.
„Hot Rats“ wurde für ihn eine Wendepunkt in Richtung Jazzrock.

07. ZAPPA It must be a camel, 5:16 (aus „Hot Rats“)
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Und das ist ein track aus „Hot Rats“: „It must be a camel“, prägend darin die verqueren Schlagzeug-Akzente von John Guerin sowie die Bläsersätze von Ian Underwood.
Wie gesagt, die verbalen Abwertungen des Jazz durch Frank Zappa sind nicht für bare Münze zu nehmen; sie sind widerlegt durch seine musikalische Praxis und gegenläufige Aussagen von ihm selbst:

ZITAT Frank Zappa
Falls du Gitarre spielen lernen willst, hör´ dir Wes Montgomery an. Du solltest auch versuchen, an eine Platte von Cecil Taylor zu gelangen, falls du Klavier lernen willst.

Frank Zappa 1967 in einem Interview mit dem Magazin Hit Parader.
Im selben Jahr erscheint er auf dem Titebild eines anderen Magazins zusammen mit... Archie Shepp!
1969 steigt Zappa bei einem Festival in Belgien bei Shepp ein. Und 1984 gewährt er ihm Raum für ein langes Solo bei einem Konzert in Amherst/Massachusetts.

08. ZAPPA Lets move to Cleveland, 7:10 (aus „YCDTOSA 4“)
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„Lets move to Cleveland“, Frank Zappa und Band, live im November 1984;
mit dem Gast Archie Shepp (tenorsaxophon) und einem sehr jazz-mäßigen Piano-Solo von Bandmitglied Alan Zavod.
Auch dies ein Musiker mit astreiner Jazz-Biographie: ein Berklee-Absolvent, er kam von Mike Gibbs, Gary Burton und Billy Cobham.
Die zahlreichen Jazz-Momente und -Elemente in der Musik von Frank Zappa machen diese noch nicht zu Jazzmusik per se. Aber sie sind wesentliche Bestandteile eines Personalstiles, die deren Schöpfer eigentümlicherweise vielfach negiert.

ZITAT Geoff Wills
Er äußerte sich häufig abfällig über den Jazz, aber inzwischen hatte er, wenn man nur an den richtigen Stellen sucht, eine lange Liste von Musikern erstellt, deren Arbeit er bewunderte, darunter Roland Kirk, Charles Mingus, Eric Dolphy, Cecil Taylor, Bill Evans, Wes Montgomery, Sun Ra, Miles Davis, Oscar Pettiford, Thelonious Monk, Harold Land, Archie Shepp und Oliver Nelson.
Zappa war ein Jazz-Fan, aber er gab es nur ungern zu. Die meisten Bandmitglieder, von Don Preston in den 1960er Jahren bis zu Albert Wing im Jahr 1988, waren talentierte Jazzmusiker.

09. ZAPPA Dupree´s Paradise, 4:13 (aus „Make a Jazznoise here“, Ausschnitt)
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Das ist der schon erwähnte Albert Wing, in einer Aufnahme der allerletzen Tour von Frank Zappa, 1988. Davor Bruce Fowler - posaune.
In Wings Tenorsaxophon-Solo klingt derjenige Instrumenten-Kollege nach, der 12 Jahre zuvor - gleichfalls bei Frank Zappa - eines seiner besten Soli gespielt hat...in einer an ergreifenden Soli nicht armen Karriere:
Michael Brecker. Er ist - zusammen mit seinem Bruder Randy - um Weihnachten 1976 herum Gast bei „Zappa in New York“.
Bevor wir das hören noch einmal Geoff Wills mit einem Zitat aus seinem Buch „Zappa and Jazz“.
Denn noch ist ja die Frage unbeantwortet: warum - trotz erdrückender Gegen-Belege - Frank Zappa das Vorhandensein des Jazz in seiner Musik zumindest verbal so häufig abstreitet.
Hier spricht Geoff Wills in seiner Rolle als Psychologe:

Geoff Wills pic crop
ZITAT Geoff Wills

Aufgrund seiner frühen Lebenserfahrungen entwickelte Zappa eine Persönlichkeit mit unverwechselbaren Zügen.
Er misstraute vielen und vertraute sich nur ungern anderen an, weil er befürchtete, dass seine Aussagen gegen ihn verwendet werden könnten.
Er reagierte unversöhnlich gegenüber Kränkungen, und weil er auf potenzielle Bedrohungen lauerte, verhielt er sich zurückhaltend oder undurchsichtig.
Verletzende, sarkastische Äußerungen waren häufig, und es fiel ihm nicht leicht, Kritik zu akzeptieren.
Seine vernichtenden Äußerungen dienten oft als Deckmantel und Abwehrmechanismus; so dass er, während er das eine sagte, das andere tat.

 

Mit dem sensationellen Tenorsaxophon-Solo von Michael Brecker 1976 bei „Zappa in New York“ schließt SWR2 NOW JAZZ - Very much alive - Frank Zappa und der Jazz“.
Am Mikrofon verabschiedet sich Michael Rüsenberg.

10. ZAPPA The Purple Lagoon, 5:46 (aus „Zappa in New York“, Ausschnitt)
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